Generika im System: Eine Säule, die bröckelt?

Generika sind nicht nur für Patienten unverzichtbar. Sie sind auch eine tragende Säule unseres Gesundheitssystems. Dank ihnen wird der Großteil der Patienten zu einem Bruchteil der Ausgaben mit Arzneimitteln versorgt. Dabei helfen Generika, das Geld aller Krankenversicherten zu sparen. Der Topf, in den alle Versicherten einzahlen, wird durch günstige Generika geschont. So können andererseits auch teure Behandlungen Einzelner bezahlt werden. 

Wie günstig aber können Generika sein? Was macht der stetig steigende Kostendruck mit der Stabilität der Arzneimittelversorgung? Und was sind die Auswirkungen für die Patienten? Die Antworten stecken in diesen fünf Fakten!

Fakt 1: Immer mehr Patienten nehmen Generika 

Nimmt ein Patient in Deutschland ein Arzneimittel, ist das in mehr als drei von vier Fällen ein Generikum - nach Ablauf des Patentschutzes könnten alle Medikamente auch generisch produziert werden. Und das nicht nur bei “leichten” Erkrankungen wie Nagelpilz oder Sodbrennen. Auch der überwiegende Teil der Volkskrankheiten (z.B. Bluthochdruck, Diabetes oder Depression) wird mit generischen Wirkstoffen behandelt. Sie spielen außerdem bei der Behandlung von Krebs, HIV oder in der Intensivmedizin eine entscheidende Rolle.

Wichtig: Der Anteil der Generika an den Verordnungen steigt ständig. Und damit auch ihre Bedeutung für die medizinische Versorgung.  Gäbe es keine Generika, könnte – zu den Kosten, die die Gemeinschaft der Krankenversicherten für Arzneimittel zur Verfügung hat – nur ein kleiner Teil der Patienten versorgt werden.

44.5
Mrd. Tagestherapiedosen
35
Mrd. davon Generika
79
Prozent Versorgungsanteil

Die in gesetzlichen Krankenkassen Versicherten benötigten 2019 insgesamt 44,5 Milliarden Arzneimittel- Tagestherapiedosen (das ist die Menge, die ein Patient pro Tag erhält). Davon waren 35 Milliarden Generika. Das entspricht 79 Prozent. 

Zum Vergleich: Im Jahr 2009 hatten Generika nur 67,1 Prozent der Verordnungen ausgemacht.

Fakt 2: Die Krankenkassen geben immer weniger für Generika aus

Ein Blick auf die Ausgaben, die die Krankenkassen in den letzten Jahren für Arzneimittel aufgewendet haben, offenbart: Der Anteil, der auf  Generika entfällt, wird immer kleiner.  Das liegt daran, dass das Gesundheitssystem diverse Instrumente vorsieht, die dazu dienen Kosten zu sparen (z.B. Rabattverträge, Festbeträge, Preismoratorium) und die Preise seit Jahren senken. Zugleich steigt der Anteil der Ausgaben, der auf innovative Therapien entfällt. Die Gemeinschaft der Versicherten wendet also immer mehr Geld für hochpreisige Therapien (z.B. bei seltenen Krankheiten oder Krebs) auf, während sie an der Grundversorgung durch Generika mehr und mehr spart. 

Wichtig: Weil Generika zu günstigeren Preisen angeboten werden, entlasten sie das Gesundheitssystem und machen die Versorgung bezahlbar. Gehen die Sparmaßnahmen aber so weit, dass sie den Generikamarkt bedrohen, gefährdet das auch die Versorgung der Patienten.

28,4
Mrd. Euro an Pharmaunternehmen
2,1
Euro davon an Generika-Hersteller
9
Prozent Kostenanteil Generika

Von den 28,4 Milliarden Euro, die die Gesetzliche Krankenversicherung an pharmazeutische Unternehmen für Arzneimittel zahlte, entfielen nur 2,1 Milliarden auf die Generika-Hersteller. Hier sind die Rabatte - also Preisabschläge, die vorab verhandelt werden, und die den Krankenkassen zugutekommen - schon angerechnet. Das entspricht 8,9 Prozent.

Zum Vergleich:  Im Jahr 2011 betrug der Anteil der Generika an den Kosten nach Abzug der Rabatte noch 15,94 Prozent.

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Fakt 3: Der Preis für Generika sinkt seit Jahren

Jahr für Jahr sinkt der Preis, den die Krankenkassen für Generika bezahlen. Gleichzeitig steigen die regulatorischen Anforderungen an die pharmazeutischen Unternehmen durch Normen, Standards und Gesetze, was seinerseits Kosten verursacht. Da Generika-Hersteller nicht an der Qualität sparen - Generika sind mit dem Originalpräparat identisch, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit müssen vor der Zulassung nachgewiesen werden - müssen sie, um kostendeckend arbeiten zu können, die Produktion so effizient wie möglich gestalten. Auf diese Weise haben sie kaum noch wirtschaftlichen Spielraum. Mögliche Folgen: Unternehmen ziehen sich aus der Produktion bestimmter Wirkstoffe zurück. 

Wichtig: Die negative Preisspirale lässt sich nicht beliebig fortsetzen. Wenn eine Behandlung mit einem Generikum durchschnittlich weniger kostet als ein Kaugummi, macht das eine wirtschaftliche Produktion schwierig. Immer weniger Hersteller können mithalten, immer weniger bieten Generika an.

17
Cent pro Tagesdosis an Hersteller
6
Cent nach Abzug der Rabatte

Für die Tagesdosis eines Generikums erhielten die Hersteller im Jahr 2019 nur 17 Cent. Nach Abzug der Rabatte, die sie den Krankenkassen zusätzlich gewährten, waren es nur noch 6 Cent.

Zum Vergleich: 10 Jahre zuvor waren es noch 15 Cent (nach Abzug der Rabatte).

Was Generika für unser Gesundheitssystem bedeuten

Fakt 1

Immer mehr Patienten in Deutschland nehmen Generika.

Fakt 2

Dabei geben die Krankenkassen immer weniger für Generika aus.

Fakt 3

Der Preis für Generika sinkt seit Jahren.

Fakt 4

Generikahersteller gewähren den Krankenkassen immer höhere Rabatte.

Fakt 5

Das führt dazu, dass auf dem Generika-Markt eine gefährliche Marktverengung herrscht.

Fakt 4: Generikahersteller gewähren den Krankenkassen immer höhere Rabatte

Lange ging es der Gesundheitspolitik u.a. darum, die Kosten für die Arzneimittelversorgung zu senken. Ein Instrument, das Einsparungen bringt, ist das Modell der Rabattverträge. Diese schließen die Krankenkassen mit Arzneimittelherstellern (manchmal nur mit einem einzigen) ab. Hier werden Rabatte vereinbart, die die Hersteller den Kassen gewähren. Je höher diese sind, desto niedriger ist der Preis. Und der niedrige Preis ist das einzige Kriterium, das darüber entscheidet, wer Vertragspartner der Krankenkasse ist und somit die Versicherten für die Dauer des Vertrages versorgen darf. In den letzten Jahren ist die Höhe der Rabatte kontinuierlich angestiegen. 

Wichtig: In den Rabattverträgen entscheidet der Preis darüber, wer den Zuschlag bekommt. Ist nur ein einziger Hersteller im Vertrag, steht dieser unter immensen Druck. Maßnahmen, die eine höhere Liefersicherheit versprechen, werden nicht honoriert. Die Gefahr von Lieferengpässen steigt.

Im Jahr 2019 sparten die gesetzlichen Krankenkassen knapp 5 Milliarden Euro durch Rabatte. Zum Vergleich: Zehn Jahre zuvor lag die Ersparnis unter 1 Milliarde Euro.

5
Mrd. Einsparungen
1
Mrd. zehn Jahre zuvor

Fakt 5: Auf dem Generika-Markt herrscht eine gefährliche Marktverengung

Der Kostendruck auf Generika ist immens. Und er hat massive Auswirkungen auf die Existenz der Hersteller, die Wettbewerbssituation und damit auf die Versorgungssicherheit. Die Niedrigpreispolitik hat - sowohl bei den Herstellern der Fertigarzneimittel als auch bei den Wirkstoffanbietern - zu einer gravierenden Marktverengung geführt: Nur noch wenige Anbieter versorgen eine stetig wachsende Zahl an Patienten. Diese Abhängigkeit von wenigen Herstellern erhöht aber das Risiko von Arzneimittelengpässen. Denn: Fällt ein Anbieter aus - etwa wegen Produktionsproblemen oder dem Ausfall eines Zulieferers - können die verbliebenen Unternehmen den dann eintretenden Mehrbedarf kurzfristig nicht immer kompensieren.

Wichtig: Wenn nur wenige Hersteller für die Versorgung verantwortlich sind, kann es zu Lieferengpässen kommen. Gibt es keinen anderen Hersteller, der ein wirkstoffgleiches Präparat produzieren und bereitstellen kann, kann sich dieser zu einem Versorgungsengpass auswachsen. Dann ist vorübergehend kein Präparat mit dem betreffenden Wirkstoff mehr auf dem Markt verfügbar. 

Bei diesen sechs Wirkstoffen stellen höchstens drei Unternehmensgruppen die Versorgung sicher - zu bis zu 100 Prozent!

Das 1x1 der Generika

Was sind Generika?

Generika sind Nachahmerprodukte von Arzneimitteln, die ehemals patentgeschützt waren. Ist der Patentschutz abgelaufen (i.d.R. nach 20 Jahren), dürfen auch andere Hersteller die Arzneimittel auf den Markt bringen. Diese sind deutlich günstiger als das Original.

Haben Generika denselben Wirkstoff?

Ja! Die Zulassung von Generika durch eine staatliche Behörde ist der amtliche Nachweis, dass es sich bei dem Generikum um ein Arzneimittel handelt, das den identischen Wirkstoff und dieselbe Qualität hat. 

Haben Generika dieselbe Qualität?

Für Generika gelten dieselben Anforderungen an Arzneimittelsicherheit und Qualität wie für alle anderen Medikamente auch. Deutsche und europäische Vorschriften regeln die Zulassung und legen fest, wie die Prüfbehörden (z.B. EMA, BfArM oder Paul-Ehrlich-Institut) die Qualität überwachen müssen.

Wofür gibt es Generika?

Generika machen die Arzneimittelversorgung bezahlbar, denn sie sind deutlich günstiger als das Originalprodukt. Dank Generika hat jeder Patient in Deutschland Zugang zu der Therapie, die er braucht. Die massiven Einsparungen durch Generika führen zudem dazu, dass die Versichertengemeinschaft auch teure Therapien Einzelner bezahlen kann.

Welche Krankheiten werden mit Generika behandelt?

Generika decken in Deutschland nahezu 79 Prozent des gesamten Arzneimittelbedarfs ab. Es gibt sie nicht bloß gegen leichte Erkrankungen wie Nagelpilz oder Schnupfen. Vor allem werden sie gegen Volkskrankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes oder Schmerzen eingesetzt. Auch in der Krebs- oder HIV-Therapie finden Generika Anwendung.